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Charles Dantal (1759 – 1799)

.... Vorleser von Friedrich dem Einzigen und Professor der französischen Sprache bey der Academie der Ingenieurs

 

Überliefert sind uns von Dantal bislang nur das schmale Büchlein

Friedrich der Einzige

in seinem Privat= und besonders Literarischen Stunden

b e t r a c h t e t

 

und eine Episode aus der Amtszeit unseres Richters Saint Paul :

1787 bestellte Professor Dantal von der hiesigen Ingenieur-Akademie sein Aufgebot. "Eine Amalie Nuglisch, 'wohnhaft in Berlin hinter der Petrikirche in Fischernschen Hause', erhob dagegen feierlich Einspruch und verlangte einhundert Stück Ducaten Abstand. Der lutherische Pfarrer, an den sie sich ebenfalls gewendet hatte, bat um Aufschub der Trauung, aber der Richter der Colonie, Saint Paul, verfügte:

Da sie ihn nicht heiraten, sondern nur Geld haben will, kann die Trauung stattfinden."

 

Das Büchlein unseres Gemeindemitglieds Dantal führt nahe an Friedrich II. heran und vermittelt zusammen mit den Mitteilungen über sich selbst eine lebendige Facette des Lebens am Ausgang des 18.Jahrhunders:

 

… glaube ich den Lesern keinen unangenehmen Dienst zu erzeigen, wenn ich zuerst die Umstände meiner wirklichen Aufnahme schildere und die Fragen mittheile, die der König bey dieser Gelegenheit an mich gemacht hat.

Der König, der vorher seine Vorleser beständig aus Frankreich selbst, mit vielen Kosten, hatte kommen lassen, glaubte am Ende, da Er seine Augen etwas geschwächt fand, mit wenigen Kosten eben diesen Zweck zu erreichen, wenn er einen jungen Menschen von der französischen Kolonie dazu bestimme. Er wandte sich zu dem Ende an den Director der Akademie der schönen Wissenschaften, Herrn  M e r i a n , welcher auf die Empfehlung des Herrn Oberconsistorial=Raths E r m a n , den er vorher deshalb um Rath gefragt hatte, mich bey Sr. Majestät vorschlug …

Es war der 23teOktober 1784 Nachmittags um halb 4 Uhr, als es der König für gut befand, mich auf dem Schlosse  S a n s  S o u c i  bey sich erscheinen zu lassen, um mich selbst im Lesen des Französischen zu prüfen. Die ersten Fragen, die er sogleich an mich that, waren folgende:  Wo ich her sey ?  wer mein Vater sey und was er treibe ?  ob ich studiert habe ?  wie ich dazu gekom-men sey ?  Ausserdem fragte er mich noch verschiedenes über den Zustand meiner Familie, und ich bemühte mich mit mög-lichster Kürze und Bündigkeit darauf zu antworten. Als er mich endlich fragte, ob ich lesen könne ?  erwiederte ich kurz, daß ich mich in diesem Falle ganz der Prüfung Sr. Majestät unterwerfen würde. Sogleich verließ mich der König, holte aus seinem Zim-mer einen Theil von  J e a n  J a q u e s  R o u s s e a u ' s Werken …

Der König fuhr hernach fort, mir noch andere Fragen vorzulegen, die meistentheils alle meine bisherige Lage betrafen, besonders verlangte Er zu wissen, ob ich bereits in einer öffentlichen Anstalt gedient hätte ?  worauf ich Ihm antwortete, daß ich schon seit dreyen Jahren als Lehrer der französischen Sprache am Potsdamschen Waysenhause gestanden hätte …

So fragte er mich, wie und wovon ich mich während meines Aufenthaltes in Berlin, da ich studiert, erhalten hätte ?  wo meine Eltern wohnten ?  worauf ich Ihm die Straße genau beschreiben mußte, indem Er mir gestand, daß er die meisten Straßen lange vergessen hätte.

Durch die Verkettung der so verschiedenen Fragen kam der König endlich in dem Gespräche, welches er mit mir führte, auf den damals noch lebenden französischen Prediger P e l e t  in Potsdam, nach dessen Zustande Er sich sich aufs genaueste erkundigte. Und als ich Ihm auf seine Frage, wie alt Pelet jetzt wohl sey ? erwiederte, daß er die Siebziger erreicht habe, lachte eEr laut und sagte, et moi j'en ai septante trois ! (und ich bin schon 73 Jahre alt !)

Und als Er endlich nach meinem Nahmen gefragt und mir das Geschäft aufgetragen hatte, Ihm vorzulesen und Ihm die dazu nöthigen Bücher zu verschreiben, assignierte Er mir die Pension, die ich durch die vorzügliche Gnade seines Wohlthätigen und Vielgeliebten Thronfolgers immer noch fortgenieße. Die Ordnung und Pünktlichkeit, welche Friedrich der Große überall in seinen Geschäften äußerte, war auch hier sichtbar, da mir nach den verflossenen 14 Tagen, die er mir zu meiner künftigen Einrichtung ertheilt hatte, eine schriftliche Versicherung meines jährlichen Gehaltes durch sein Kabinet zugeschickt wurde.

Den 16ten November 1784 wurde ich zum ersten Mal auf den Abend um 7 Uhr zum Vorlesen bestellt; alleine das Bellen und Geheule der Windspiele, die in dem Zimmer des Königs waren und mich noch nicht kannten, und dann die Wiederholung der nämlichen Fragen, welche ich dem König gleich bey meiner ersten Erscheinung hatte beantworten müßen, machte es, daß ich erst nach einer guten halben Stunde zu lesen anfangen konnte.

Das Buch welches Er mir jetzt zum Vorlesen reichte, war  e i n e  k u r z  ab g f a ß t e  G e s c h i c h t e 
d e r  G r i e c h e n, n e b s t  e i n e r  R e d e v o n  I s o k r a t e s  a n  d e n  N i k o k l e s  ü b e r  d i e 
K ö n i g l i c h e  W ü r d e.

Die Zeit der Vorlesungen war so ziemlich bestimmt: im Winter war es um 6, 7 oder 8 Uhr, und im Sommer um 4, 5 auch 6 Uhr des Abends, die Dauer der Vorlesungen selbst war unbestimmt, die längsten dauerten etwa 3 Stunden, besonders zur Zeit des letzten Karnevals, da er zurück in Potsdam blieb und sich schon damals nicht allzuwohl befand. Es traf sich auch wohl zuweilen, daß Er vor Mattigkeit während meines Lesens einschlief und mich dadurch nöthigte, bis 10 oder auch wohl bis 11 Uhr bey Ihm zu bleiben.

Wenn ich las, hörte er mir sehr aufmerksam zu und saß dabey mit seinem vollen königlichen Anzuge in einem Lehnstuhle. Hin und wieder machte Er einige Anmerkungen über das Vorgelesene, vorzüglich alsdenn, wenn Er sich gut aufgelegt fühlte. Nicht selten zeigte Er mir Vortheile im Lesen selbst, oder Er corrigierte wohl auch Fehler, die ich in der Aussprache beging.

Der König bestand immer auf die französische Prosodie, pries die Beobachtung derselben sehr an, und empfahl mir, um sie in der Folge desto besser und genauer zu beachten, das laute und häufige Lesen französischer Verse, als das bewährteste Mittel. Er war unermüdlich, die Fehler zu verbessern, welche ich in der Aussprache einiger Wörter beging, besonders bey den Namen, die sich in  a s  endigen, als P e l o=
p i d a s,  E p a m i n o n d a s,  L e o n i d a s,  C h a b r i a s, wo er verlangte, daß ich das  S  recht zischen lassen und langsam aussprechen sollte. Zugleich gab Er die Regel, daß auf alle vorletzte Sylben der Ton der Aussprache fallen müßte.

Die Endsylben mußten ebenfalls deutlich ausgesprochen werden, so daß es mir öfters sehr gezwungen vorkam; dies ging sogar so weit, daß ich die  S  im plurali z.B. in den Wörtern o b s e r v a t i o n s,  p a s s i=
o n s,  l o i s,  R o i s, deutlich mußte hören lassen und das vorzüglich in Versen, wo der König noch viel eigener war. Doch zeigte Er dabey viel Nachsicht und Geduld, und ließ mich öfters die Worte solange aussprechen, bis ich am Ende die verlangte Aussprache traf, wobey er mich immer damit tröstete, d a ß  e s  n i c h t  i n  8  T a g e n  k ö m m e n  k ö n n t e.

Wenn Wörter vorkamen, über deren richte Aussprache Er selbst noch zweifelhaft war, so versuchte Er erst sie leise für sich auszusprechen, welches ich während meines Vorlesens oft vernehmen konnte. Auch pflegte Er wohl zuweilen meine Aussprache anzunehmen und sachte nach zu machen, um mich auf diese Weise das Fehlerhafte dasselben merken zu lassen.

Wundern müßte ich mich aber darüber, daß der König von der einmal angenommenen Aussprache gewisser Wörter nicht abging,ungeachtet ich Ihm mit der gehörigen Ehrfurcht, die ich Ihm schuldig war, meine Gründe gegen sagte. Ich mußte zum Beweiß die Wörter o l i g a r c h i e,  s' i m m i s c e r,  aussprechen 
o l l i g a r c h i e,  s' i m m i s s i e r.

Was aber andere Irthümer anbetraf, die wahrscheinlich ein Mangel an Gedächtnis Ihn konnten begehen lassen, so nahm Er es niemals übel, wenn man sie Ihm zeigte. Er gestand mir sogar eines Tages, daß ein junger Mensch einen Greis zurecht weisen könne, wenn dieser Unrecht hätte.

Der Thon mit welchem Er seine Gedanken mittheilte, war so gefällig und liebreich, daß man Ihm mehr aus wahrer Zuneigung als aus sclavischer Furcht diente. War Er gleich zuweilen durch Krankheit oder andere Umstände zum Mißmut gestimmt, so hatte man doch nicht das mindeste zu befürchten, so bald man nur seine Pflicht genau und pünktlich erfüllte. Überhaupt war Er bey seinen Krankheiten sehr gelassen, geduldig und zeigte gegen alle, die Ihn bedienten, viele und große Nachsicht. Geschah auch zuweilen ohne mein Verschulden ein Versehen, wo Er nicht gleich einsehen konnte, ob die Schuld an mir selbst oder anderen Umständen gelegen, so war Er doch in solchen Fällen äußerst billig und bediente sich nie eines Ausdrucks, der hart war, oder mich hätte schrecken können. Mehrtheils zeigte Er dann nur durch eine ernste Miene sein Misfallen, welche aber auch sogleich verschwand, so bald ich mich gebührend erklärt hatte.

Die Bücher, welche sich der König vorlesen lassen wollte, wählte Er selbst, und ich bemerkte bald, daß die Alten seine Lieblings=Lectüre waren. Diese fesselten besonders in den langen Winterabenden seine ganze Aufmerksamkeit, es müßte Ihn den, wie es nicht selten geschah, eine Unpäßlichkeit davon abgehalten und Ihn genötigt haben, ein anderes Buch zu wählen, welches weniger den Kopf anstrengte und mehr zur Aufheiterung diente. So ließ Er sich, als er in dem hefteigen Fieber lag, vor seinem bette den  t a u r e a u 
b l a n c  aus  V o l t a i r  vorlesen; ferner die  K r i t i k  von  M è r o p , ob Er gleich die heftigsten Kopfschmerzen hatte, endlich, und zwar verschiedene Male, C a n d i d e  während seiner Gichtschmerzen. …

Außer … angezeigten Büchern, die ich habe vorlesen müssen, beschäftigte sich der König auch noch mit eigener Lectüre. Seine Gewohnheit dabey war  l a u t  für sich zu lesen, besonders wenn es Verse waren, und an der leisen Stimme mit welcher Er noch öfters bey meinem Hereintreten las, glaube ich bemerkt zu haben, daß er sich dabey sehr stark angegriffen.

In den letzten tagen seines Lebens las Er noch für sich l' E v a n g i l e  d u  j o u r  von  V o l t a i r und 
Q u i n t i l i a n , den ich ihm aus der Bibliothek zur Selbstlesung holen müßte, im Fall der Druck für seine Augen groß genug währe. …

Die Ordnung die der König in allen, auch in den gringfügisten Dingen beobachtete, gibt ein nachahmungswürdiges Beispiel. Sie zeigt sich nur in der getroffenen Eintheilung seiner Stunden, sondern auch sogar in der Einrichtung seiner Bücher.

Außer den verschiedenen Bibliotheken, die Er auf dem Schlosse in der Stadt, im  Sans=Souci, und dem neuen Palais besaß, hatte Er noch eine Handbibliothek, die Er auf allen seinen Reisen mitnahm und von jeder war auch ein Bücherverzeichnis da. Diejenigen Bücher die nicht Platz darin finden konnten oder die er öfters selbst brauchte, lagen auf dem Tische oder auf den Fenstern seines Wohnzimmers, wo niemand es wagen dürfte, etwas anzurühren …

So oft ich ein Buch aus der Bibliothek nahm, mußte ich an den leeren Raum ein Blättchen Papier hinlegen, um den Ort wieder zu finden, wo es gestanden hatte; und da alle Bücher auf dem Tische aufrecht standen, so mußten hingegen alle diejenigen flach liegen, die ich ausgelesen hatte.

Jede Gattung von Werken hatte ihr eigenes Spinde: … Der König hatte zu seiner eigenen Bequemlichkeit sich lauter Oktavbände angeschafft, statt der Folianten und Quartbände, die er nachher in die öffentliche Bibliothek zu Berlin bringen ließ. Es war daher für das Auge wirklich ein beleidigender Anblick, wenn man neben diesen Oktavbänden, Folianten und Quartbände gestellt sah, wovon Er noch keine Handausgabe hatte erhalten können und die Er deshalb noch so lange stehen ließ. Dis war es auch was Ihn bewog, d i e  L o g i k und  M e t h a p h y s i k  v o n  B a y l e  durch den Druck einer Handausgabe zu verwandeln. Auch machte Er deswegen einen Auszug aus Bayle Lexicon und von der Kirchengeschichte des Fleury. Alle seine guten Bücher ließ Er in roth Saffian mit einem goldenen Schnitt einbinden. Auf dem Deckel eines jeden Buches befand sich ein Buchstabe, welcher den Ort der Bibliothek anzeigte, wo es hingehörte. Auf dem Deckel der auf dem Potsdamschen Schlosse befindlichen Bücher war ein P., auf denen von Sans=Souci ein V, weil Er diesen Ort  V i g n e s  (Weinberg) nannte, und auf denen vom neuen Palais war ein S, weil er diesem Palais eigentlich den Nahmen Sans Souci beilegte. ....

 

 

 

Friedrich der Große und die Religion –  Wohltäter oder Totengräber?

Vortrag von Peter Zimmerling in unserer Kirche anläßlich "300 Jahre Friedrich II."

 

 

 

    

 

       

 

       

 

   

 

Stand: 08. Februar 2017

 

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