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Johannes Calvin (1509-1564) - der sehr unbequeme Reformator *

.... und alles ist immer nur ein Anfang

 

Rolf Wischnath

 

Wir müssen unser ganzes Leben lang vorwärts kommen, und alles, was wir erreicht haben, ist immer nur ein Anfang ; schreibt Johannes Calvin einmal. Sein Leben war ein ständiges, leidenschaftliches Vorwärtsdrängen: zur Ehre Gottes, zum Reich Gottes, zur Bewährung der Gerechtigkeit Jesu Christi in der menschlichen Gemeinschaft der Kirche und der Gesellschaft, in der Christen- und Bürgergemeinde Genfs, die ihn gerufen und verjagt, wieder gerufen, mit ihm gestritten und ihn geehrt hat.

In einer Artikelserie des Berlin-Brandenburgischen Sonntagsblattes, in der Menschen des Reiches Gottes und seiner Gerechtigkeit vorgestellt werden, einen Hinweis auf Johannes Calvin zu geben, mag wie eine Provokation erscheinen. Auch viele gebildete Christen halten ihn für ein Monster. Die Geschichte des Rufmords an Calvin ist ohne Beispiel.

Die Artikel über ihn in Volkslexika, Geschichts- und Religionsbüchern sind mit wenigen Ausnahmen angefüllt mit Unwahrheiten und Schmähungen, die zurückreichen bis ins Genf des 16. Jahrhunderts.

Eine zureichende Biographie und eine umfassende Darstellung seiner Theologie in deutscher Sprache gibt es derzeit nicht.

Schon von Anfang an hat die katholische antireformatorische, aber auch nicht selten die lutherische Polemik Calvin zu einem Zerrbild gemacht, zu einem hartherzigen, kalten Menschenfeind mit einer autoritären, fürchterlichen Theologie. In dem in der Nazizeit geschriebenen Buch Castellio gegen Calvin oder Ein Gewissen gegen die Gewalt von Stefan Zweig ist Calvin Chiffre für all das, was der aus Hitler-Deutschland vertriebene Dichter aus tiefster Seele verabscheut und fürchtet: Wo die Gewalt einmal herrscht, da ist dem Besiegten kein Appell gelassen, immer bleibt der Terror die erste und zugleich letzte Instanz. Oft wird gesagt, Calvin habe in Genf eine "Theokratie" errichten wollen, ein politisches System, das durch die Träger geistlicher Gewalt, mit der offenen Bibel in der Hand regiert und tyrannisiert wird. Calvin wollte aber zunächst nichts anderes, als die Gemeinde der Kinder Gottes sammeln und ihr durch Predigt und Sakrament dienen. Ihm kam es dabei auf eine selbstbewusste Gemeinde an: eine Kirche, die des Wortes Gottes, seines Trostes und seiner Mahnung in allen Bereichen des Lebens bewusst bleibt und von hier aus ihre gemeindebildende Identität findet.

Ohne Frage: Calvin wollte eine Volkskirche, aber eben als bekennende Kirche, die also in stetiger Reformation Kirche des lebendigen Bekenntnisses zu Jesus Christus wird und bleibt. Er wollte die "reformierte Kirche"; nicht als eine zweite Konfession im Lager der Evangelischen, sondern als die eine, heilige, allgemeine, christliche Kirche, die sich immer wieder im Hören auf Gottes Wort vor Ort als Gemeinde findet und erneuert.

Nun waren in Genf politische und christliche Gemeinde von den ihr zugehörenden Menschen her identisch. Dennoch suchte Calvin eine klare Unterscheidung: Die Kirche sollte nicht den Platz der weltlichen Regierung einnehmen, und die weltliche Regierung sollte nicht in die geistlichen Bestimmungen der Kirche hineinregieren. Kirche und Obrigkeit sollten aufeinander bezogen sein. Daher drängte Calvin einerseits dazu, dass die politisch Verantwortlichen auf die Verkündigung des Wortes Gottes hören und Gottes Gebot Geltung verschaffen, ihm zum Recht verhelfen. Andererseits achtete er darauf, dass der Rat der Stadt Genf sich nicht anmaßte, die kirchliche Freiheit zu beschränken. Seine ganze Amtszeit hindurch - Calvin hatte nie ein politisches Amt - musste er gegen die Einmischung politischer Instanzen in innerkirchliche Angelegenheiten kämpfen. Zugleich waren er und der Rat der Stadt in allen Rechts- und Strafverfahren der Carolina, der Peinlichen Gerichtsordnung des herrschenden Kaisers Karl V., unterworfen, die das geltende Recht im ganzen Reich, damit auch in Genf, bestimmte.

Alle aus heutiger Sicht so "mittelalterlich" erscheinenden Prozesse in Genf, Zürich und auch im Wittenberg Luthers sind zu verstehen vor dem Hintergrund dieser Rechtsregelungen. Und alle so genannten Kirchenzucht- und Disziplinarmaßnahmen in Genf - Gruselmärchen ausgenommen - erscheinen in einem anderen Licht wenn man sich die elende soziale Lage in dieser alten Flüchtlingsstadt vor Augen führt.

Calvin geriet ständig in unabwendbare Konflikte mit diesen Grundbedingungen seiner Wirkungsstätte, in deren Grenzen er die Gerechtigkeit des Reiches Gottes suchte. Immer wurde er widerstrebend in die Reihen der vielen streitenden Parteien und damit in fast aussichtslose Situationen hineingezogen. Exemplarisch beschreibt er vor dem Großen Rat Genfs diese zermürbende Lage in seinem Bericht über einen öffentlichen Tumult: ... Ich stürzte mich mitten ins Gewühl. Obwohl alle wie versteinert waren, liefen sie doch auf mich zu und zogen mich hierhin und dorthin, damit mir nichts zustoße. Ich beschwor Gott und die Menschen, dass ich gerade darum gekommen wäre, um mich zwischen die Schwerter zu stellen. Ich rief: "Wenn ihr wollt dass Blut fließt fangt bei mir an!" Darauf kühlte die hitzige Stimmung sichtlich ab, selbst, bei den Böswilligen, vor allem aber bei den Gutwilligen. Schließlich brachte man mich in den Ratssaal. Da geriet man wieder in Streit und wieder trat ich zwischen beide Parteien. Alle sind der Meinung, dass durch mein Dazwischentreten großes und schreckliches Blutvergießen verhindert worden ist. Meine Amtsbrüder hatten sich inzwischen unter  die Menge verteilt. Ich brachte es soweit mit ihnen, dass alle sich ruhig hinsetzten. So wie es die augenblickliche Situation erforderte, hielt ich eine lange, scharfe Ansprache. Man sagt, dadurch seien alle bis auf wenige Ausnahmen wunderbar gerührt worden. Doch rühmten auch diese nicht weniger als die Gutgesinnten, was ich getan. Als eine besondere Bewahrung hat es Gott mir und meinen Kollegen gegeben, dass selbst die Allerniederträchtigsten bekundeten, dass sie die geringste Verletzung meiner Person nicht weniger als Vatermord verabscheuen würden.

Calvin war ein Mann im Widerspruch, keine glatte Figur der Kirchengeschichte. Den sehr unbequemen Reformator nannte ihn der Lutheraner Ernst Wolf vor dreißig Jahren. Auf ihn zu achten, an ihm das Maß zu nehmen, täte heutigen kirchlichen "Amtsträgern" gut, die in der Regel doch lieber "bequem" - d. h. angenehm, keinerlei Missbehagen verursachend - sein möchten.

 

 

* Berlin-Brandenburgisches Sonntagsblatt, 14.3.1993

Dr. Rolf Wischnath ist Generalsuperintendent i.R. des Sprengels Cottbus, der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz

 

 

 

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Stand: 08. Februar 2017

 

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