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Die Französische Kirche in Potsdam

.... für viele noch immer eine Entdeckung

 

Johann Leonhäuser

 

Geschichte der französischen Kolonien

Der französische König Heinrich IV. hatte 1598 mit dem Toleranz-Edikt von Nantes die Hugenottenkriege beendet. Das katholische Bekenntnis blieb Staatsreligion. Der protestantischen Minderheit, Anhänger des Reformators Johannes Calvin, wurden Glaubensfreiheit und Bürgerrechte gewährt. Nur wenige Jahrzehnte später verfolgt Frankreich das Ziel „un roi – une loi – une foi“ (ein König - ein Gesetz - ein Glaube). Damit endet die religiöse Toleranz. Die Protestanten, Hugenotten genannt, geraten unter Druck und beginnen das Land zu verlassen. Sie kommen auch nach Berlin und gründen 1672 eine selbständige Gemeinde. Offenbar gerne gesehen, erhalten sie 1682 für ihre Gottesdienste eine Kapelle im Berliner Schloss. Am 18. Oktober 1685 wird das Edikt von Nantes durch Frankreichs König Ludwig XIV. widerrufen. Die Lage der französischen Protestanten verschärft sich dramatisch. Die Ausübung ihrer Religion wird verboten, die Kirchen (Tempel) zerstört, Privatgottesdienst mit Todesstrafe und Güterkonfiskation (Enteignung) bedroht. Die Folge ist, Flüchtlinge strömen in die protestantischen Länder Mittel- und Nordeuropas.

Die Berliner Behörde für Kirchenangelegenheiten erkennt, in welch schwieriger Lage sich die Protestanten in Frankreich befinden und wendet sich Hilfe suchend an den Kurfürsten Friedrich Wilhelm (1640-88). Er ist selbst Anhänger Calvins und genehmigt eine Kollekte und spendet 2.000 Taler. Am 08. November 1685 erlässt er das Edikt von Potsdam . Es gewährt den Hugenotten freie Religionsausübung, Starthilfen, eine 15-jährige Abgabefreiheit, mit Ausnahme der Akzise (Verbrauchssteuer auf Güter des täglichen Bedarfs).

Schon bald entstehen französische Gemeinden, auch Kolonien genannt, in Prenzlau, Berlin und anderen Städten Brandenburgs. Die Kolonien sind attraktiv. Sie bilden ein besonderes Gemeinwesen mit partiell eigener Justiz. Es kommen auch Reformierte aus der Schweiz, der Pfalz und den Niederlanden und schließen sich den Kolonien an. Die Integration gelingt. Viele Einwanderer sind hoch qualifiziert und werden Leistungsträger der Gesellschaft.

Anfang 1686 kommen die ersten Hugenotten nach Potsdam. Ab 1719 lässt König Friedrich Wilhelm I. im Zuge der ersten Stadterweiterung östlich des Platzes der Einheit das „Französische Quartier“ mit ca. 50 Häusern anlegen. Am 11. Juli 1723 gründen Potsdamer Hugenotten die Französisch-Reformierte Gemeinde. Erster Pastor ist Thomas le Cointe. Er war als Kind von Frankreich gekommen. In der Schlosskapelle am Alten Markt finden die Gottesdienste statt. Im Oktober 1731 erhält die ca. 100 Mitglieder zählende Gemeinde durch ein „Edit du roi“ ihren Sonderstatus innerhalb der Stadt Potsdam.

Friedrich II. (1740-86) hat eine Vorliebe für alles Französische. Der König ist großzügig. Er schenkt per Urkunde vom 16. Sept. 1753 der Gemeinde die neue Französische Kirche. Am 23. September 1753 wird der erste Gottesdienst gefeiert.

 

Friedrich II. (1740-86) und die religiöse Toleranz

Friedrich regiert einen Flächenstaat, dessen Teile sich vom Niederrhein bis Ostpreußen erstrecken. In Preußen leben Protestanten der verschiedenen Richtungen, Katholiken und als Minderheit Juden. Zur Entwicklung des dünn besiedelten Landes ist Preußen auf den Zuzug von Einwanderern angewiesen. Diese sind überwiegend Glaubensflüchtlinge. In Preußen ist religiöse Toleranz staatserhaltend und entspricht sowohl politischem Kalkül als auch einer aufgeklärten Gesinnung. Die Einwanderer bringen neue Fähigkeiten mit, fördern Wirtschaft und Kultur. In seinen „Denkwürdigkeiten zur Geschichte des Hauses Brandenburg“ schreibt Friedrich: “Ludwig XIV. widerrief das Edikt von Nantes, worauf mindestens 400.000 Franzosen ihr Vaterland verließen. Die Reichsten gingen nach England und Holland; die Ärmeren, aber Betriebsamsten flüchteten ins Brandenburgische; ihre Zahl betrug gegen 20.000. Sie halfen unsre verödeten Städte wieder bevölkern und verschafften uns die Manufakturen, welche uns mangelten...“

Friedrich formuliert religiöse Toleranz neu. Er wirkt kurz nach der Regierungsübernahme Bestrebungen der protestantischen Geistlichkeit entgegen eine von seinem Vater, dem Soldatenkönig, eingerichtete katholische Schule für Soldatenkinder wieder abzuschaffen. Im Juni 1740 schreibt er: „Die Religionen müssen alle toleriert werden und muss der Staat nur das Auge darauf haben, dass keine der anderen Abbruch tue, denn hier muss ein jeder nach seiner Facon selig werden.“

Auf das Gesuch eines Katholiken, in Frankfurt/Oder Bürgerrechte zu erlangen, notiert er im selben Jahr: „Alle Religionen sind gleich und gut, wenn nur die Leute so sie ausüben ehrliche Leute sind, und wenn Türken und Heiden kämen und wollten das Land bevölkern, so wollen wir sie Moscheen und Kirchen bauen lassen“. Die Juden müssen jedoch bis 1812 warten, um die volle Gleichberechtigung zu erhalten. Friedrich konnte nicht ahnen, dass über 200 Jahre später Türken sich tatsächlich in Berlin und Deutschland niederlassen. Sie kommen überwiegend aus wirtschaftlichen Gründen, sind bis auf wenige Ausnahmen keine Verfolgten.

Seine religiösen Vorstellungen spiegeln sich im Kirchenbau wider. Als Staatsmann und Hobbybaumeister gibt er seinen Architekten Anregungen und oft auch detaillierte Planvorgaben. Das Pantheon in Rom, ein Tempel für alle Götter, ist Vorbild. Der große Kuppelbau mit seinen ausgewogenen Abmessungen und antikem Portikus beeindruckt. Er dient der Verehrung aller Götter und betont das Gemeinsame. Als architektonisches Motiv in Sakralbauten symbolisiert es religiöse Toleranz.
                                                         
Ein Zentralbau mit Kuppel und Portikus wird Planungsvorgabe für die Französische Kirche in Potsdam und die katholische St. Hedwigs-Kathedrale in Berlin. Letztere ist die erste neu gebaute katholische Kirche in Berlin seit der Reformation.
Friedrich schenkt der katholischen Gemeinde das Grundstück. Für die Baukosten muss sie allerdings selbst aufkommen. Das Pantheon-Motiv findet man auch im Mittelteil von Schloss Sanssouci. Hier soll es philosophische Freiheit verkörpern.

 

Der Bau der Französischen Kirche

Architekt und Planverfasser ist Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff, Friedrichs berühmtester Baumeister. Als Bauleiter fungiert der aus den Niederlanden eingewanderte Johan Bouman. Originalpläne sind keine mehr erhalten.
Das Gelände ist sumpfig. In 18 Fuß (5,65 m) Tiefe findet man jedoch tragfähigen Baugrund. Auf Holzpfähle kann man verzichten.
Im Grundriss ist der Bau oval mit lichten Durchmessern von 63 1/6 Fuß (19,83 m) und 48 ½ Fuß (15,23 m) bei 5 ¼ Fuß (1,65 m) starkem Mauerwerk. Der Sockel besteht aus mit Sandstein verblendetem Ziegelmauerwerk, darüber ist verputztes Mauerwerk aus Ziegelsteinen. Eingebaut sind sieben große Fenster. Die relativ flache Kuppel ist gemauert und mit einem Ringanker versehen.
 

Den Eingang schmückt ein römisch-dorischer Portikus mit vier Säulen. Im Dreieck sind eine Sonnenglorie und der Name Gottes in hebräischen Buchstaben zu sehen. In den Nischen neben dem Eingang steht links eine weibliche Gewandfigur mit Anker und Taube für „Hoffnung“ und rechts eine mit zwei Kindern für „Liebe“. Über den Figuren befinden sich Reliefs, welche die Austreibung der Wechsler aus dem Tempel und die Geschichte vom Zinsgroschen darstellen. Im Innern ist die Kirche entsprechend der Bibelauslegung einfach und ohne Schmuck gestaltet. Gegenüber dem Eingang steht die Kanzel. Eine in Holz gebaute Empore mit zwei Aufgängen umzieht das Oval.
Nach zweijähriger Bauzeit schenkt König Friedrich II. am 16. September 1753 der Gemeinde die Kirche.

Durch Soldaten der Armee Napoleons, welche ab 1806 die Kirche als Magazin missbrauchen, erleidet das Bauwerk im Innern schwere Schäden. Auch die Orgel ist betroffen. Angeregt durch Karl Friedrich Schinkel, Preußens bekanntesten Architekten und Vertreter des Klassizismus, erhält die Kirche 1832-33 eine Kanzelwand. Die Aufstellung der Bänke wird verändert und die Orgel über den Eingang verlegt. 1882 erfährt der Innenraum eine Überarbeitung in wilhelminischem Stil.

Den zweiten Weltkrieg übersteht das Bauwerk ohne größeren Schaden. Ein Zeitzeuge berichtet: “In der Kirche war die Orgel durch Luftdruck umgestoßen, die Kuppel aufgerissen, viele Steine herabgestürzt, die Kanzelwand stand etwas vor, einige Bänke waren zerstört. Die Figuren vor der Kirche und die Säulen waren wenig beschädigt.“ Nach 1945 wird in der DDR der Atheismus propagiert Der Staat zeigt wenig Interesse für die Instandhaltung von Kirchen. Das Bauwerk verkommt Wegen Baufälligkeit muss es 1968 geschlossen werden. Bis in die sechziger Jahre sind Gottesdienste abgehalten worden.
Nach der politischen Wende beginnt in Abstimmung mit dem Denkmalschutz 1991 die Instandsetzung mit der Sicherung der Kuppel und dem Einbau eines neuen Fußbodens. Seit 1993 finden wieder Gottesdienste und andere Veranstaltungen (Konzerte, Ausstellungen, Vorträge) in der Kirche statt. Kanzelwand, Empore und Treppen erfahren 2002 eine holztechnische Ausbesserung. Im März 2003 werden die provisorischen Nachkriegsfenster durch neue mit Doppelglas und Rahmen aus Eichenholz ersetzt. Bis September 2003 sollen Kanzelwand und Empore einen neuen Anstrich erhalten. Damit wären die Instandsetzungsarbeiten abgeschlossen.

Finanziert werden die Maßnahmen je zur Hälfte aus Spenden und öffentlichen Fördermitteln. Hervorzuheben ist das Engagement einzelner Gemeindemitglieder und eines großzügigen Spenders aus Ahrensburg bei Hamburg.

 

Die Orgel

Die erste Orgel wird 1787 von Ernst Julius Marx in Berlin erstellt. 1930 baut Alexander Schuke in Potsdam eine neue Orgel. in den siebziger Jahren wird diese bei Einbrüchen zerstört.

Auf der Suche nach Ersatz gelingt es, eine von Johann Wilhelm Grüneberg im Jahre 1783 gebaute Barockorgel zu erwerben. In einem schlechtem Zustand wird sie in der Dorfkirche Bärenklau bei Oranienburg entdeckt. Einige Prospektpfeifen und Teile der Schnitzereien fehlen, mehrere Register sind entfernt. Einst gebaut für die Reformierte Spandauer Johanniskirche wäre sie in restauriertem Zustand für die Dorfkirche zu groß und zu laut. Die Kirchengemeinde Bärenklau stimmt zu In Spandau finden sich fast alle Orgelbauakten wieder. Nach detaillierter Planung wird 1991 das Instrument zwecks denkmalgerechter Restaurierung der Firma Schuke in Potsdam übergeben.

Die vollständig restaurierte Orgel wird im Sommer 2000 zum ersten Mal öffentlich gespielt. Am 09. Oktober 2000 nimmt der Orgelsachverständige der evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz die Orgel ab.
 

 

Quellen:

Französisch-Reformierte Gemeinde im Internet .
Hans-Joachim Giersberg: Friedrich als Bauherr. Siedler Verlag 1986.
K.Manoury: Zur Geschichte der Französisch-Reformierten Gemeinde Potsdam zwischen 1662 u.1953 .
Andreas Kitschke/Christoph Förste: Die Barockorgel der Französischen Kirche .
Preussen, Chronik eines deutschen Staates, 2.Auflage 2001, Nicolai.

 

 

 

  Was heißt reformiert ? 

Eberhard Busch

 

  Du sollst Dir kein Bildnis machen 

Michael Weinrich

 

 

      

 

   

 

 

   

 

 

   

 

Stand: 08. Februar 2017

 

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