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Johannes Calvin (1509 - 1564)

.... der unbequeme Reformator von Weltrang

 

Es gibt wenige historische Personen, die so negativ verzerrt in Schulbüchern und Journalen dargestellt werden wie Johannes Calvin. Doch, wer nur etwas in seinen zahlreichen seelsorgerlichen Briefen liest, dem erschließt sich ein besonderer Mensch.

 

"Wir müssen unser ganzes Leben lang vorwärts kommen, und alles, was wir erreichet haben, ist immer nur Anfang" schreibt Calvin.

Sein Leben war ein ständiges leidenschaftliches Vorwärtsdrängen: zur Ehre Gottes, zum Reich Gottes, zur Bewährung der Gerechtigkeit von Jesus Christus in der menschlichen Gemeinschaft der Kirche und der Gesellschaft, in der Christen- und Bürgergemeinde Genfs, die ihn gerufen und verjagt, wieder gerufen, mit ihm gestritten und ihn geehrt hat.

 

Der historische Calvin ist der lebendige Calvin [...] Ein noch so pietätvoller und getreuer Nachredner Calvins ist darum noch [...] kein von Calvin wirklich Belehrter. Unsere Belehrung durch Calvin muß sich vielmehr in der Weise vollziehen, daß Calvin mit uns ein Gespräch führt, er als Lehrer, wir als die Schüler, [...] ein Gespräch also, das möglicherweise damit endigt, daß wir als Belehrte nachher etwas ganz Anderes sagen, als was Calvin gesagt hat, und was wir darum doch von ihm oder besser: durch ihn gelernt haben. Magistra und darum historia wird die Lehre Calvins erst dadurch, daß durch sie ein eigenes, selbständiges [...] Wissen in uns erweckt wird (Karl Barth Die Theologie Calvins 1922)

 

Wir haben hier - eher zufällig - einiges in zeitgemäßer Kürze zusammengetragen, um die Vorstellung von J.Calvin zu konkretisieren, um zur Auseinandersetzung mit ihm anzuregen, um von ihm zu lernen.

Dazu zählt:

Biographisches

Hat Calvin geweint ?

Calvin und die Frauen

Calvins Weg zum Reformator

Schrift und Verkündigung in der Theologie Calvins

Aus Calvins Institutio die Absätze:

Erkenntnis Gottes und Selbsterkenntnis des Menschen sind voneinander abhängig

Über die Dankbarkeit für das irdische Leben

Calvin, auch ein Genießer - und zwar ein theologisch motivierter

  Vollständige deutsche Ausgabe der Institutio .

Einige Gedanken von Calvin:

Über Gott und Jesus Christus

Über die Bibel/Schrift

Zum Glauben

Zum Wissen

Zur Weisheit

Zu menschlichem Leben

Zu Kirche/Gemeinde

Zum Gottesdienst

Zur Taufe

Zum Heiligen Mahl

Zur Vorsehung/Prädestination

Über Nachsicht

Über Arme, Reiche, Ausländer und Humanität

Über die Kunst

Über das Geld

Zum sog. "Calvinismus"

Zu Calvins Charakter

Weitere Zitate

Interessante Artikel über Calvin:

Calvin und die Demokratie

Konfliktlotse Calvin

Calvin und die Frauen

 

Wer in die vollständige deutsche Ausgabe der Institutio sehen möchte, dem bietet das Internet auch diese Möglichkeit .

 

 

Biographisches

Nur wenige Menschen hatten eine so tiefe, vielfältige und andauernde Wirkung wie J.Calvin. Er schuf nicht nur eine solide biblisch fundierte, klarsichtige Theologie, die reformierte Kirchen in aller Welt inspirierte, sondern gab auch den Anstoß zu einer Entwicklung hin zur Verantwortlichkeit des Individuums, die zur modernen Demokratie führte (s.Calvin und die Demokratie ). Man schreibt Calvin auch zu, zum Aufstieg des Kapitalismus beigetragen zu haben, wobei dies bisweilen überschätzt wird. Trotz des radikalen Pessimismus hinsichtlich unserer Sündhaftigkeit vermittelt Calvin die Vision einer gesegneten, Gott direkt verantwortlichen Menschheit voller Würde, die bestrebt ist, Gott zu ehren und zu segnen.

 

 

Wann

Wo

Was

10.7.1509 Noyon/Picardie Geburt (Vater bischöflicher Sekretär; früher Tod der Mutter)
1521 Bischof von Noyon gibt J.C eine Pfründe zur Klerikerausbildung

(ein Viertel der Kaplanatspfründe des Gesine-Nebenaltars im Dom)

1523 - 1531 Paris

Orléans

Bourges

Jurastudium Þ juristisches Examen
1527 Promotion zum Magister
1528 Exkommunikation des Vaters wg. Rechtsstreit mit der Kirche
1531 - 1533 Paris Humanistische Studien
1531 Tod des Vaters
1533 Studienabschluß; Lizentiat der Rechte; Studium reformatorischer Ideen (u.a. Luther) in Humanistenkreisen;

Hauptverfasser der Rektoratsrede seines Freundes Nikolaus Cop in der kirchliche Reformen im Sinn des Humanisten Jacques Lefèvre d'Etaples angeregt werden. Wegen scharfer Angriffe auf die Scholastik erhebt sich heftigsten Widerspruch durch die Sorbonne, die das Parlament zum Einschreiten aufforderte. Cop floh daraufhin nach Basel

Nov. 1533 Flucht Aus Furcht vor der Inquisition verbarg sich Calvin unter falschem Namen zunächst in Paris und begab sich dann auf eine unstete Flucht durch das Land. Er fand Zuflucht bei der Schwester des Königs, Margarethe von Navarra
1533 - 1534 Wahrscheinlich im Winter 1533/34 "plötzliche Bekehrung zum Belehrtsein"
1534 Noyon Im Frühjahr offizieller Bruch mit der römisch-katholischen Kirche und Verzicht auf seine Pfründe;

wegen Abfalls vom Glauben gefangen gesetzt

1534 Südfrankreich Wanderschaft und Studien; verfassen der ersten theologischen Arbeit (Psychopannychia), eine Widerlegung der mystischen Lehre vom Schlaf der Verstorbenen bis zur Auferstehung;

Kurze Rückkehr nach Paris; dort werden vom 17. zum 18.10. Plakate gegen die Messe verbreitet (bis an die Tür des königlichen Schlafgemachs); die daraufhin einsetzende Verfolgung von Protestanten in Frankreich nötigte nötigt J.C. ins Ausland nach Straßburg zu fliehen

1535 - 1536 Basel Intensives Hebräischstudium; schreibt Vorreden zu der französischen Bibelübersetzung seines Vetters Pierre Robert Olivetanus;

Institutio (Kompendium christlicher Lehre) - Anlass: Verfolgung französischer Lutheraner durch Franz I. seit 1534; veröffentlicht zur Frühjahrsmesse in Frankfurt/Main 1586

Norditalien Zu Renata von Ferrara, der Tochter Ludwigs XII, um für den Protestantismus zu werben (er blieb deren geistlicher Ratgeber - sein letzter Brief galt ihr)
1536 - 1538 Genf Ende Mai Reise nach Noyon, um mit seinen Geschwistern Antoine und Marie nach Straßburg zu ziehen; Krieg in Lothringen nötigt zum Umweg über Genf, wo ihn Farel und des Genfer Rat bitten, an der Einführung der durch Volksbeschluß am 21.5.1536 beschlossenen Reformation mitzuhelfen. J.C. war am 5.8.1536 in Genf eingetroffen und wollte dort nur eine Nacht bleiben aber erzählte er: Magister G.Farel hielt mich in Genf zurück, nicht sowohl durch seinen Rat und seine Ermahnung als vielmehr mittels einer fürchterlichen Beschwörung, so daß mir vorkam, als hätte Gott selbst seine Hand über mich ausgestreckt, um mich festzuhalten. Da er sah, daß er mit Bitten nichts ausrichtete, steigerte er seine Rede bis zur Verfluchung, daß es Gott gefallen möchte, die Ruhe und Muße zum Studieren, die ich suchte, zu verfluchen, wenn ich mich weigerte, in so großer Not Hilfe zu leisten. Dieses Wort erschreckte und erschütterte mich solchermaßen, daß ich die unternommene Reise aufgab, doch so, daß ich im Gefühl meiner Schüchternheit mich nicht verpflichten wollte, eine bestimmte Stelle einzunehmen.

J.C. begann als Lektor der Hl.Schrift mit der Auslegung des Briefs an die Römer sein regelmäßiges Predigen.

Noch 1536 verfaßte J.C. einen Catechismé mit Instruction et confession de foy dont on use en l'Eglise de Genève und die Articles concernant l'organisation de l'église, eine Kirchenordnung für Genf (dem Genfer Rat zu streng).Ausweisung durch den Genfer Rat (mit G.Farel).

1538 Nachdem die Opposition die Neuwahl des Rates gewonnen hatte wurden J.C. G.Farel per Ratsbeschluß aufgefordert binnen drei Tagen Genf zu verlassen. Grund war ein Streit in dem die Pastoren die Unabhängigkeit der Kirche vom Staat aufrechtzuerhalten suchten.
1538 - 1541 Straßburg Auf Bitten von Bucer Pastor der französischen Flüchtlingsgemeinde, für die er eine französischsprachigen Liturgie verfaßte;;

Hochzeit mit Idelette de Buren. Ihre drei Kinder starben früh, sie 1549 (Ich bin der Hälfte von mir selbst verlustig gegangen, wo der Herr neulich meine Gattin zu sich zurückgenommen hat).

Aus Genf bat man 1539 um die Erwiderung des Schreibens der Lyoner Bischofskonferenz, das von Kardinal Sadoleto verfaßt und »an die teuren Brüder, Rat und Bürger von Genf« gerichtete hatte. Freundlich luden die Bischöfe zur Rückkehr in die röm.-kath.Kirche ein.

Im selben Jahr traf sich J.C. mit Melanchthon, um Religionsgespräche zur Überwindung der konfessionellen Spaltung vorzubereiten. Beide blieben fortan freundschaftlich verbunden.

In diesen Jahren beteiligte sich J.C. auch an den Religionsgesprächen in Hagenau, Worms und Regensburg.

Herausgabe von Marots Psalmenvertonungen;

Neuauflage der stattlich erweiterten Institutio und Herausgabe des ersten Bibelkommentars (Römerbrief);

Nach dem Sturz des anticalvinischen Rates (1540) drängte man aus Genf zur Rückkehr. Eine hochrangige Ratsdelegation reiste ihm bis Worms nach, doch J.C. erwiderte zunächst: »Nach Genf soll ich gehen, um es besser zu haben? Warum nicht lieber geradewegs ans Kreuz? Besser wäre es, einmal zu sterben, als auf einer Folter immer wieder gequält zu werden! ... Es gibt keinen Ort der Welt, vor dem ich mich mehr fürchtete ... Meine Seele erbebt, wenn ich mir die vergangenen Zeiten vergegenwärtige und daran denke, daß ich alle diese Kämpfe wieder aufnehmen soll.«

1541 Regensburg Unterzeichnung der Confessio Augustana Variata

Anschließend machte sich J.C. unter dem Ehrengeleit des Rates auf den Weg nach Genf, das sich in schwerer innenpolischer und sittlicher Krise befand.

1541- 1564 Genf

Noch am Tag der Ankunft J.C.s in Genf, ordnet der Genfer Rat an, die von J.C. entworfenen Kirchenordnung (Ordonnances ecclésiastiques) zu prüfen und führte sie kurze Zeit später ein. Fortan gab es vier biblisch begründeten Gemeindeämter:

1. Pastoren (ministres) - für Predigt und Seelsorge

2. Doktoren (docteurs) - für den Unterricht

3. Älteste (anciens) - für die Gemeindeleitung

4. Diakone (diacres) - für die Sozialarbeit

1542 formulierte J.C. eine Gottesdienstordnung, die »Forme des prières et chants ecclésiastiques avec la manière d'administrer les sacrements et de consacrer le mariage selon la coutume de l'Eglise ancienne« und überarbeitete den Genfer Katechismus grundlegend.

Nach anfänglichen Erfolgen hatte er sich, etwa ab 1545, gegen viele Anfeindungen aus der Genfer Aristokratie zu verteidigen, weil er eine radikale Änderung der Gesellschaft anstrebte und sich gegen staatliche Suprematie auflehnte.

J.C. wurde in diesem Ringen der Mann der zweiten reformatorischen Generation, die den Impuls Luthers weiterführte, er wurde zum  größten Schüler Luthers, dem er sich ausgesprochen verbunden fühlte., dem er seine entscheidenden theologischen Erkenntnisse verdankt. Als Lutherschüler  war J.C. der, der - wie kaum ein anderer - Luther verstand und von dessen Ansatz her ein biblisch gebundenes offenes theologisches System entwickelte, das sich als sehr dynamisch erweisen sollte.

1549 Zürich Einigung mit Bullinger auf den Consensus Tigurinus
1553 Genf Der Genfer Rat verurteilte, ausgehend von der Anklageschrift J.C.s den Antitrinitarier Servet nach der vom Reichstag zu Regensburg 1532 beschlossenen Constitutio Criminalis Carolina. Daraufhin wurde Servet mit Zustimmung der evangelischen Kantone wegen Gotteslästerung verbrannt. Calvin hatte vergeblich den milderen Tod durch Hinrichtung mit dem Schwert beantragt. Auch  Melanchthon, nannte die Hinrichtung gerecht.
1555 Die Anhänger J.C.s errangen den Wahlsieg. Seitdem konnte sich J.C. ungestört dem Auf- und Ausbau der Genfer Gemeinde widmen. So wurde Genf der Ausgangs- und Mittelpunkt einer neuen großen reformatorischen Bewegung.
1559 Pro Jahr predigte J.C. etwa 200mal, dazu hielt er an die 200 Bibelstunden und Vorlesungen.

Die letzte Fassung der Institutio, auf das fünffache der Erstausgabe angewachsen, erscheint

Als eine Krönung der durch J.C. ausgelösten Reformation wurde die zweistufige Genfer Akademie eröffnet. In der 7jährigen Schola privata wurden Französisch, Griechisch, Latein und Grundzüge der Philosophie, schließlich auch Hebräisch und vor allem Philosophie und Literatur unterrichtet. Wer das mit Erfolg absolviert hatte, konnte die akademische Schola publica besuchen, in der Vorlesungen und Übungen abgehalten wurden.

Erster Rektor der Akademie war Theodor v.Beza. J.C.s frei gehaltenen Vorlesungen verhalfen ihr bald zu internationalem Renommée. Seine Kommentare zur Hl.Schrift sind seinem Sekretär Claude de Jonviller und Nachschreibern zu danken, über deren Arbeitsweise das Vorwort des Buchdruckers zum Kommentar über die 12 Kleinen Propheten berichtet: Jeder von ihnen hat sein Papier bereit, so praktisch als möglich zugeschnitten und gefaltet, und schreibt für sich, so schnell er kann; besonders wenn Calvin ins Feuer gerät beim Vortrag von Stellen, die ihn ganz in Anspruch nehmen, dann hält es ein anderer fest. Sobald die Vorlesung zu Ende ist, nimmt der schon erwähnte Jonviller die Blätter der andern zusammen mit seinen eigenen mit sich. Er sieht alle miteinander durch und vergleicht sie rasch. Hernach läßt er durch einen andern die Nachschriften so schnell wie möglich ins reine schreiben. Dann korrigiert er es selbst alles nochmals durch, um es am nächsten Tag dem Verfasser selbst zu Hause vorzulesen. Wo etwas fehlt, ergänzt Calvin dann ohne Mühe. Oder wenn ihm etwas nicht deutlich genug erklärt erscheint, verbessert er die Auslegung. Auf diese Weise sind die Vorlesungen veröffentlicht worden.

J.C. wurde in Genf eingebürgert.

27.5.1564 Tod in Genf. J.C. wird auf dem allgemeinen Friedhof ohne Grabstein beerdigt, so wollte er es. Sein Grab bleibt damit unbekannt;

Nachfolger Theodor von Beza (1519-1605)

In diesem Jahr zählte die Schola privata fast 1.200 Schüler und an der Schola publica studierten ca.300 Studenten. Das Schulgebäude für beide erwies sich bald als zu klein, so daß besonders für J.C.s  Vorlesungen in seit 1562 in eine Kirche ausgewichen werden mußte. Von der Genfer Akademie - die Genfer Rat, Gemeinde und Bürgerschaft einmütig gegründet hatten - ging kaum zu überschätzende Wirkung aus. Aus vielen Ländern, bes. aus Frankreich, kamen Schüler, die nach ihrem Studium in aller Welt im  Geist J.C.s wirkten.

 

Hat Calvin geweint ?

Von Calvin ist bekannt, daß ihm recht häufig die Tränen gekommen sind, zum Beispiel als er von den schlimmen Verfolgungen der Waldenser erfuhr. Oder als er sich entscheiden mußte, ob er in Straßburg bleiben oder nach Genf zurückkehren wollte.

Vor allem aber die Sorge um seine Frau Idelette und seine Freunde machte Calvin schwer zu schaffen. Zum Beispiel als er bei einem Aufenthalt in Regensburg vom Ausbruch der Pest in Straßburg hörte, wo seine Frau lebte, und als er hörte, daß Bekannte bereits an der Pest gestorben waren.

Und natürlich hat er sehr getrauert, als Idelette 1549 nach nur 9-jähriger Ehe starb. Nur noch als halber Mensch hat er sich gefühlt und konnte seine Arbeit nur mit allergrößter Mühe wieder aufnehmen.

Dr. Achim Detmers

 

 

 

Calvins Weg zum Reformator

 

 

1509

   
    Noyon Kirchennähe - Vater bischöflicher Verwalter
  1523    
    Paris I Studium: Latein, Dialektik, Logik, Philosophie, Scholastik - wissenschaftl. Handwerkszeug
  1527    
    Orléans Studium: Jura, Bibel
    Bourges Studium: griechische Sprache und Philosophie, erasmischer Humanismus (antischolastisch)
  1531    
    Paris II Studium: klassische Literatur, Humanismus; aktiv in reformatorischen Zirkeln
  1533    
   

 

"plötzliche Bekehrung zur Gelehrigkeit"

 

Calvins Bekehrung in eigenen Worten

In der Vorrede zum Psalmenkommentar (1557) schreibt J.Calvin: Ich war dem Aberglauben des Papsttums so hartnäckig zugetan, daß es nicht leicht war, mich aus diesem tiefen Abgrund herauszureißen. Gott aber hat mein Herz, das für sein Alter schon recht verstockt war, durch eine plötzliche Bekehrung gefügig gemacht.

In der Responsio ad Sadoleti Epistolam (1539) berichtet J.Calvin, daß er nur widerstrebend zur Erkenntnis des Evangeliums gelangt sei: Durch die Neuheit abgestoßen, lieh ich (jenen Lehren) nur ungern mein Ohr; mit leidenschaftlichem Eifer widerstand ich ihnen; vor allem eins machte meinen Sinn abgeneigt: die Ehrfurcht vor der Kirche. ... Wie durch einen plötzlichen Lichtstrahl erkannte ich, in welchem Abgrund von Irrtümern, in welchem Schmutz ich mich befunden hatte. So tat ich, o Herr, was meine Pflicht war, und begab mich, erschreckt und mit Tränen mein früheres Leben verdammend, auf deinen Weg.

Den offiziellen Bruch mit der römischen Kirche vollzog C. im Frühjahr 1534,

 

J.Calvin beschrieb seinen Weg so: 

"dem päpstlichen Aberglauben ergeben"

"einen gewissen Vorgeschmack der wahren Frömmigkeit"

"plötzliche Bekehrung zur Gelehrigkeit"

(subita conversio ad docilitatem)

 

Die Institutio Christianae Religionis

Die Institutio das schriftliche Hauptwerk von J.Calvin erschien 1536, 1539, 1543 und 1559, jeweils verändert und erweitert, zuletzt 80 Kapitel in 4 Büchern:

  I. Gott und Selbsterkenntnis (incl. Vorsehung, Schöpfungslehre, Schriftverständnis)

 II. Christologie und Soteriologie

III. Pneumatologie  (incl. Glaube, Buße, Heiligung, Rechtfertigung, Freiheit, Gebet, Prädestination, Auferstehung)

IV. Ekklesiologie

 

Charakteristisch für die Theologie Calvins sind:

Aufgreifen anderer Theologen

Vermittlung

Dynamik

Unabgeschlossenheit.

 

Hauptanliegen der Theologie J.Calvins ist: Aussagen der Heiligen Schrift zusammenzufassen und wirksam zu machen.

 

 

 

Schrift und Verkündigung in der Theologie Calvins

 

Nicht etwa die Institutio, sondern die Schriftauslegungen waren der Inhalt nicht alleine seiner kaum zählbaren Predigten, sondern auch seiner theologischen Vorlesungen. Die wurden von offiziellen Schreibern notiert und dann veröffentlicht. Theologischer Unterricht hieß für Calvin: Schriftauslegung.

Aber Predigt hieß für Calvin auch Schriftauslegung.

Beides trug er als doctrina vor, was soviel heißt wie:  Von Gott beauftragte Mitteilung. Im Unterschied zu dogma als menschliche Lehrbildung darüber.

 

      zielt auf    
       
  Hl. Schrift       Verkündigung
       
      gründet auf    

 

Die Autorität der Schrift beruht für J.Calvin auf:

offensichtlichen Zeichen, z.B. Eindrücklichkeit, Wunder

dem inneren/verborgenen Zeugnis des Heiligen Geistes

 

  Wort   Hl. Geist
 
  Glauben   Glaubensgewißheit

 

Zentraler Inhalt der Schrift ist nach J.Calvin:

Erkenntnis Gottes und des Menschen

 

 

Gott, Trinität und Christologie in der Theologie Calvins

Gottes Barmherzigkeit und Gerechtigkeit stehen auf gleicher Höhe nebeneinander.

 

Gotteserkenntnis:

Natürliche Gotteserkenntnis ist möglich, wird aber undankbar missbraucht.

Im Menschen ist Wissen um die Existenz Gottes angelegt.

Natürliche Gotteserkenntnis führt zu Götzendienst.

Es gibt nur einen Bund. Das erste Testament ist quasi "Schattenriß" vom "Farbbildes" des zweiten. In Christus gibt sich Gott in vollem Glanz zu erkennen.

Gesetz und Evangelium sind kein Gegensatz, sondern haben dieselben Aufgaben.

 

"Jede der drei Seinsweisen (subsistentiae) ist in Beziehung zu den anderen durch ihre Eigenschaften (proprietates) unterschieden."

"Wir (nehmen) in der einigen Gottheit diese drei Personen als voneinander getrennt (an) ..., und dass Gott trotzdem nicht zerteilt werde."

 

Christus:

Der Logos ist mit der menschlichen Natur zusammengewachsen, aber nicht in ihr eingeschlossen (Zwei-Naturen-Lehre).

Die göttliche Natur von Christus existiert auch außerhalb (extra) der Menschheit (Extra Calvinisticum - Wichtig für das Abendmahlsverständnis!)

Christus hat das dreifaches Amt Prophet, Hohepriester, König (triplex munus Christi).

 

Anthropologie in der Theologie Calvins

 

Kennzeichen des alten Menschen

 
Vernunft: die bzgl. des Reiches Gottes nichts vermag.
Seele: die geschaffen, unsterblich, aber nicht ewig ist.
Ebenbild Gottes: weil er eine unsterbliche Seele und Vernunft hat.

hat seinen Sitz in der Seele, doch ist es sonst durch Sünden verdorben.

kann durch Christus erneuert werden.

 

Der ganze Mensch ist erlösungsbedürftig.

 

Kennzeichen des neuen Menschen:

Glaubenserkenntnis: erzeugt Gemeinschaft mit Gott durch Christus.
Heiligung: bedeutet, lebenslang den Glauben zu vertiefen und neuer Mensch zu werden.
Rechtfertigung: geschieht völlig, ein für allemal.

 

Vorsehung (Providenz) und Erwählung (Prädestination)

Grundlage für beides ist Gottes Entscheidung vor Schaffung der Welt (decretum aeternum).

 

Vorsehung

ist Gottes Wirken an der Schöpfung

durch die er sein Werk vorantreibt

sie leitet, die ihm glauben durch den Heiligen Geist

sie erweist Gott, der kein Fatum ist, als tätig

durch sie regiert Gott alles.

 

Freiheit des Individuums:

Der Mensch dient dem Willen Gottes. Er sündigt aus Notwendig durch Gottes Gegenteil.

Bekehrung geschieht ohne menschliches Zutun.

 

Erwählung:

Viele Menschen glauben nicht aufgrund der Erwählung Gottes.

Erwählung stärkt die Glaubensgewißheit (seelsorgerlicher Aspekt).

Erwählung (Ausdruck göttlicher Barmherzigkeit) und Verwerfung (Ausdruck göttlicher Gerechtigkeit) sind nicht gleichrangig.

 

Ekklesiologie in der Theologie Calvins

Unterscheidung der sichtbaren von der unsichtbaren Kirche

  Sichtbar:   Corpus permixtum Predigt des Evangeliums ist für sie nötig
  Unsichtbar:   Erwählte, Engel und Selige Für sie Wort und Sakrament

 

Die Kirche ist ein Organismus. Christus ist das Haupt, die Gemeinde der Leib.

Es gibt nur eine Kirche, weil sie durch Christus begründet wurde.

Die Gemeinde ist die Kirche. Sie wird erkennbar durch (notae ecclesiae):

Lehre

Ordnung (Kirchenzucht)

Sakramentsverwaltung

Gottesdienstzeremonien

 

Schatz der Kirche: Das Evangelium und seine Verkündigung ("Schaffe ich nicht die Auferbauung derer, die mich hören, so bin ich ein Gotteslästerer")

 

Vier Ämter in den Gemeinden:

  Pastoren (pasteurs) :   öffentliche Wortverkündigung, Sakramentsverwaltung
  Lehrer (docteurs) :   Unterricht der Theologie
  Älteste (anciens) :   Wahrung der Kirchenordnung
  Diakone (diacres) :   Armenpflege, Abendmahlsausteilung

 

Drei Institutionen für die Gemeinden:

  Compagnie des pasteurs :   Weiterbildung und Beratung der Pastoren, eine Art "kollektiver Bischof"
  Consistoire :   Leitungsgremium jeder Gemeinde aus Pastoren und Ältesten
  Academie :   Französisch, Griechisch, Hebräisch, Latein, Philosophie, Literatur

 

Der Kirche wird von Calvin ein höheres Maß an Autonomie gegenüber den Staat eingeräumt, als bei Luther oder Zwingli.

 

Sakramente in der Theologie Calvins

Die Sakramente - göttlicher Zuspruch und menschliche Antwort, Wort und Zeichen, Verkündigung und Zeugnisse - müssen im Glauben angenommen werden (contra ex opere operato).

 

Die Taufe kennzeichnet die Aufnahme in die Kirche, die Einleibung in Christus als Kinder Gottes. Sie bringt dreifachen Gewinn:

Reinigung, d.h. Sündenvergebung

Neubelebung durch den Heiligen Geist.

Vereinigung mit Christus und Teilhabe an seinen Vergünstigungen.

 

Der Mensch antwortet auf seine Taufe mit dem Bekenntnis zu Gott vor Menschen.

 

Calvin befürwortet Kinder zu taufen obwohl der Glaube Kindern erst später folgt. Kinder sind durch ihre christlichen Eltern geheiligt. Zwischen Beschneidung und Taufe gibt es eine Parallele.

 

Das Abendmahl ist Zeichen der andauernden Güte Gottes, nachdem durch die Taufe die einmalige Aufnahme in Gottes Familie stattgefunden hat.

In ihm wird Christus bezeugt sowie der Glaube und die Gemeinschaft mit Christus gestärkt, der im Geist gegenwärtig ist.

Irgendeine substantielle Vermischung von Gott und Abendmahlsteilnehmer gibt es nicht.

Im Abendmahl, das  mind. monatlich gefeiert werden sollte, werden Brot und Wein nicht angebetet.

Pastoren und Älteste sollen dafür sorgen, daß kein Unwürdiger teilnimmt.

 

 

 

Institutio christianae religionis 

Jean Cauvin / Johannes Calvin

 

  Calvin 500 - Leben, Werk, Wirkung, Kontroversen

Powerpoint-Präsentation (8,8 Mb), für einen schnellen Überblick

 

Gott kommt auch - Confession de foi - ein reformiertes Bekenntnis wird 450 Jahre 

Hildegard Rugenstein

 

  Johannes Calvin (1509-1564) - der sehr unbequeme Reformator 

Rolf Wischnath

 

Calvin und die Demokratie 

Eberhard Busch

 

Konfliktlotse Calvin 

Michael Weinrich

 

  Huldrych Zwingli und die Perspektiven für die Kirche im 21. Jahrhundert

Tilman Hachfeld

 

 Soli Deo Gloria! - Jean Calvin 10. Juli 1506 – 27. Mai 1564

Kurt Anschütz

 

 Calvin und die Einheit der Kirche

Eva-Maria Faber

 

 Glaube bereichert, Calvin und der Kapitalismus 

Matthias Krieg

 

 

 

 

    

 

       

 

       

 

   

 

Stand: 08. Februar 2017

 

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